Geschichte der FEG Riehen
Das zweite Jahrzehnt des letzten Jahrhunderts war eine entscheidende Zeit in der Geschichte unserer Gemeinde. Unter dem Einfluss von Jakob Vetter, dem Gründer der Deutschen Zeltmission, wandelten sich die Zusammenkünfte von Hauskreisen zu einer Evangelischen Gemeinschaft.
Am 2. April 1911 zog Jakob Vetter mit seiner Frau Maria und ihrem 3-jährigen Töchterchen Maria nach Riehen. Vetter kannte die Riehener Pietisten bereits aus seiner Studienzeit auf St. Chrischona. So wurde er mit offenen Armen aufgenommen und nahm bald einmal eine führende Rolle ein. Bereits ein halbes Jahr später machte Vetter einen ersten wichtigen Schritt: «Am 6. November 1911 bekam ich die Nachricht, dass der Platz, auf dem nun dieses Haus (Vereinshaus) steht, zu verkaufen sei. Mit etlichen Riehener Freunden hielt ich Rat, und unter Gebet bekamen wir die innere Zusicherung, den Platz für das Reichgotteswerk zu kaufen.» Schon am nächsten Tag brachte ihm ein Freund eine Spende von 100 Mark für den Kauf der Wiese. Der Gedanke, für die christlichen Vereine ein eigenes Haus zu bauen, war nicht neu. Vetters Schwiegervater, Lehrer Baumann, hatte schon früh dieses Bedürfnis erkannt und mit der Sammlung eines Baufonds begonnen. Doch war es ihm nicht vergönnt, diesen Plan auszuführen. Er starb am 22. März 1905 und der von ihm angeregte Gedanke blieb noch einige Jahre unausgeführt.
Das Komitee des Vereins für kirchliche Evangelisation und Gemeinschaftspflege, ca 1920
Das eigene Haus und ein neuer Verein
Am 23. Dezember 1912 trafen sich 12 Vertreter der christlichen Vereine zu einer «Vorbesprechung über den Bau eines Vereinshauses in Riehen». Der Wille, die Platznot zu lösen war da, aber die Finanzierung eines eigenen Hauses bereitete grosse Sorgen. Auch nach dem Kauf des Grundstücks am Erlensträsschen wurde der Gedanke noch einmal erwogen, auf dem Gelände der Kaffeehalle einen Saal zu bauen. Mit Frau Sarasin-Bischoff wurden früher schon Gespräche in dieser Richtung geführt. Vetter aber meinte, «dass Riehen Zukunft habe und wir doch lieber etwas rechtes zur Ehre Gottes bauen wollen». Der Bau wurde beschlossen und die Finanzierung wurde durch Ausgabe von Anteilscheinen zu Fr. 100.– an die Hand genommen.
Als weiterer wichtiger Schritt konstituierte sich am 10. Mai 1913 der «Verein für kirchliche Evangelisation und Gemeinschaftspflege». Als Zweck wurde in den Statuten die Verbreitung des Evangeliums durch Wort und Schrift unter dem Volk und die Pflege des Vereins junger Männer, des Blauen Kreuzes, des Hoffnungsbundes, des Jungfrauenvereins und der christlichen Gemeinschaft aufgenommen. Vetter war der erste Präsident und unter seiner Führung wurde der Bau des Vereinshauses durchgeführt. Als Architekt konnte der damalige Riehener Gemeindepräsident Otto Wenk gewonnen werden.
Der Grundriss des Vereinshauses, der erst bei der umfassenden Renovation von 1963
Emil Müller: «Am Ostermontag fingen die jungen Männer des Vereins an, die Fundamente und das Souterrain auszuheben.
Es war eine Freude, diesem fröhlichen Schaffen zuzusehen, und in den nachfolgenden Tagen und Wochen fanden sich nach des Tages gewohnter Arbeit immer eine Reihe Schaffensfreudiger ein, um hier in den Feierabendstunden mit Pickel und Schaufel noch ein gutes Werk zu tun. So konnte der Bau dann im Mai 1913 begonnen, unter göttlichem
Schutz und Segen durchgeführt, und bis Frühjahr 1914 vollendet werden. – Nun stand das Haus als Verwirklichung so vieler Gedanken, Wünsche und Gebete da, und der Tag konnte bestimmt werden, an welchem das Haus eingeweiht und dem Dienst des Herrn geöffnet werden konnte, es war der 8. März 1914.»
Ein interessantes Detail (dem besonders beim bevorstehenden Abriss des Hauses Beachtung geschenkt werden sollte) ist dem «Urkunden-Bericht über den Bau des Vereinshauses» von Wilhelm Stolz entnommen: «Der Grundstein wurde in Anwesenheit der obengenannten Brüdern (J. Vetter, Miss. Duisberg, Ch. Stolz, W. Stolz, J. Schmid, E. Fischer, J. Fischer und E. Mory) gelegt. In Form einer grossen Flasche, welche die Urkunden enthielt. Diese Flasche wurde hinten in der Rednernische auf etwa 1 m Höhe eingemauert.»
An der Einweihungsfeier war der Architekt voll Lob und Dank, dass der Herr Segen und Bewahrung geschenkt hatte, sodass der Bau ohne Störung und ohne nachteiligen Unfall ausgeführt werden konnte. Andere Redner betonten, dass nun im Haus eine gute, solide Arbeit an den Herzen getan werden müsse. Das Wort vom Kreuz sollte im Mittelpunkt stehen. Musikalisch umrahmt wurde die Feier unter anderem vom Posaunenchor, der ein halbes Jahr vorher gegründet wurde.

Verein für kirchliche Evangelisation und Gemeinschaftspflege: Protokoll der Gründungs-
versammlung vom 10. Mai 1913. Rechts: das letzte exisitierende Exemplar des Programms!
Die Arbeit im Haus
Als erste Hauseltern zog die Familie Enderlin in das Haus ein. Sie folgten dem Ruf nach Riehen und verliessen ihre Arbeit als Stadtmissionare in Strassburg. Enderlin diente z. B. an den Sonntagnachmittags-Versammlungen, bis er aus gesundheitlichen Gründen von seinen Aufgaben freigestellt werden musste.
Es war Vetter ein Anliegen, jährlich Evangelisationen und Konferenzen durchzuführen. Da er als Zeltmissionar häufig abwesend war, übernahm das Komitee die Aufgabe der Vorbereitungen. Als im Herbst 1914 der erste Weltkrieg ausbrach, befand sich Vetter auf einem Missionseinsatz in Hamburg. Die Heimreise dauerte neun Tage und er wurde dabei mehrfach unter Spionageverdacht verhaftet. Während der Kriegszeit setzte Vetter sich in der badischen Nachbarschaft als Evangelist für die Kriegsverletzten und Kriegsgefangenen (hauptsächlich Russen) ein.
Zu den bisherigen Vereinen kamen im Laufe der Zeit noch weitere Nutzer hinzu: Jugendbund, Jungschar, Posaunenchor, und Arbeitsverein. Alle diese Vereine hielten ihre Versammlungen in den Räumlichkeiten des Vereinshauses ab. Die Gemeinschaft selbst hielt nebst den Evangelisationswochen und dem alljährlichen Erntedankfest mit Bazar (der Ertrag wurde zur Begleichung der Bauschuld verwendet) Bibelstunden und Versammlungen am Sonntagnachmittag und Abend.
Im Jahre 1915 wurde der «Vereinshauschor» gegründet. Auf einem Foto von 1917/1918 ist der Chor mit Oberst Fermaud zu sehen. Er war nicht nur Oberst, sondern auch ein begnadeter Evangelist. Im September 1918 startete Vetter mit Fermaud die alljährlichen Evangelisationswochen im Vereinshaus. Die Not der Kriegszeit rief viele Menschen unter das Wort. Bald einmal waren die Lokalitäten zu klein und die Veranstaltung wurde in der Martinskirche in Basel weitergeführt. Der Andrang liess aber nicht nach und Vetter / Fermaud zogen für die letzten Anlässe in das Basler Münster.
Es sollte die letzte Evangelisation von Jakob Vetter sein. Er, der nur die Arbeit sah und keine Rücksicht auf seine Gesundheit nahm, erlitt im November heftige Lungenblutungen. Dadurch war er so stark geschwächt, dass er keine Abwehrkräfte mehr hatte, als am 4. Dezember noch eine Grippe dazu kam. Am 13. Dezember starb er in seinem Riehener Heim.
Mitten im Aufbau verlor der «Verein für kirchliche Evangelisation und Gemeinschaftspflege» durch den Tod von Jakob Vetter eine starke Führer- und Identifikationspersönlichkeit. Wie die anschliessenden Jahre bewältigt wurden, ist der Inhalt der nächsten Folge.
Arthur Meili
Quellen:
Jakob Vetter: Etwas Gottesgeschichte
Emil Müller: Jubiläumsbericht 1914 – 1939
Protokollbuch 1 des Vereins für kirchliche Evangelisation
und Gemeinschaftspflege
Maria Vetter-Baumann: Evangelist Jakob Vetter.
Ein Lebensbild (1922 Evangelische Buchhandlung, Basel)
Der Vereinshauschor um ca 1917/1918 (also 2-3 Jahre nach der Gründung) mit Oberst Fermaud in der zweitobersten Reihe, 6. von links.